Aquarell

41 × 31 cm
Auf dem ersten Blick:
ein Brunnen und eine Stiege.
Auf dem zweiten Blick:
ein Dialog der Zeiten.
Der Schlossbergplatz in Graz: ein unscheinbarer Brunnen mit vier Tauben auf einer Säule und die Schlossbergstiege, auch „Kriegssteig“ genannt, treten in einen geschichtlichen Dialog. Die Treppe wurde während des Ersten Weltkriegs unter Zuhilfenahme russischer Kriegsgefangener in den Fels geschlagen. Der Taubenbrunnen wurde Jahrzehnte später nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet.
Ob die vier Tauben als bewusstes Friedenssymbol gegenüber dem Kriegssteig gedacht waren, ist nicht dokumentiert. Dennoch entsteht im Zusammenspiel dieser beiden Orte ein berührender Dialog zwischen Erinnerung und Hoffnung.
Zwischen Kriegserinnerung und Friedenszeichen
Dieses Aquarell versucht nicht nur einen Grazer Stadtplatz abzubilden, sondern vor allem die Erzählung sichtbar zu machen, die sich dort in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingeschrieben hat. Zwei Zeugnisse unterschiedlicher Epochen treten miteinander in Dialog:
Im Vordergrund steht der Taubenbrunnen, von Walter Ritter entworfen und 1949 errichtet. Vier Tauben krönen die Mittelsäule, während Wasser aus schlangenförmigen Ausläufen in das Brunnenbecken fließt. Er entfaltet seine Wirkung nicht durch Monumentalität, sondern durch stille Präsenz.
Der historische „Kriegssteig“ dahinter, zwischen 1914 und 1918 von österreichischen Pionieren und russischen Kriegsgefangenen in den Fels geschlagen, entstand unter den Bedingungen der Ersten Weltkriegs und trägt bis heute die Spuren ihrer Entstehungszeit in sich.
Das Bild macht diese geschichtliche Spannung sichtbar, ohne sie ausdrücklich zu thematisieren. Die Stiege erscheint als Weg auf den Berg, als Erinnerung an Arbeit, Entbehrung und Krieg. Der Brunnen hingegen setzt einen ruhigen Gegenpol. Seine Tauben stehen traditionell für Frieden, Versöhnung und Hoffnung. Ob Walter Ritter den Brunnen tatsächlich als bewusstes Pendant zum Kriegssteig verstand, ist nicht dokumentiert. Im Zusammenspiel beider Motive entsteht jedoch eine eindrucksvolle symbolische Lesart.
Die einzelne Figur am rechten Bildrand verstärkt diesen Eindruck. Sie bewegt sich durch einen Stadtraum, in dem sich unterschiedliche Zeitschichten überlagern: die Kriegsjahre des frühen 20. Jahrhunderts, der Wiederaufbau nach 1945 und die Gegenwart.
So wird das Aquarell zu mehr als einer Stadtansicht. Es erzählt von Erinnerung und Wandel, von den Narben der Geschichte und von den leisen Zeichen des Friedens, die ihnen gegenüberstehen.